
Der Inbusschlüssel rutscht mir zum dritten Mal von der Schraube, und die Schwiele an meinem Zeigefinger – die Stelle, die sich inzwischen anfühlt, als hätte sie schon immer dort gesessen – presst sich gegen den kalten Metallkopf am Halsansatz. Mitten in diesem Moment für mein Selbstversuch-Tagebuch drängt sich die Frage wieder auf, die mir beim Gitarre lernen am häufigsten gestellt wird: Woran liegt es, wenn jeder Griff sich wie Krafttraining anfühlt? Bei mir lag die Antwort nicht an meiner Schwäche, sondern an der Saitenlage – und an der Frage, wie man sie richtig einstellt, was für mich inzwischen selbstverständlich zur Gitarrenpflege gehört.
Saitenlage einstellen: Warum schnarrt die Gitarre trotz sauberem Griff?
Fachleute nennen das, was bei mir lange falsch eingestellt war, die Saitenlage – schlicht der Abstand zwischen Saite und Griffbrett. Bei meiner alten Westerngitarre hingen die Saiten so hoch über dem Griffbrett wie die Wäscheleine im Hinterhof. Kein Wunder, dass jeder Akkord sich anfühlte wie Armdrücken gegen das eigene Instrument, und kein Wunder, dass die Fingerkuppenhärtung bei mir eine eigene, längere Geschichte wurde, als ich dachte.

Dieters Frage, die alles auf den Punkt bringt
Dieter Raasch schreibt mir regelmäßig, meist knapp und ohne Umschweife, und seine letzte Mail bestand aus einem einzigen Satz: Woran erkenne ich, ob meine Gitarre kaputt ist oder ob ich einfach zu wenig Kraft in den Fingern habe? Genau diese Unsicherheit kannte ich nur zu gut, bevor ich wusste, wonach ich überhaupt suchen musste.
Die Antwort darauf ist so unspektakulär wie hilfreich: Fast nie ist die Kraft in den Fingern das eigentliche Problem – auch wenn ich selbst lange überzeugt war, zwei linke Hände und null Handgelenkskraft gleichzeitig zu haben. Wenn der Ton trotz sauberem Griff schnarrt oder man die Saite kaum bis aufs Griffbrett drücken kann, lohnt sich zuerst der Blick auf die Technik des Instruments – seitlich, auf Augenhöhe mit dem Hals, nicht von oben.
Zwei Millimeter entscheiden über Schmerz oder Leichtigkeit
Am zwölften Bund, genau dort, wo Hals und Korpus sich treffen, liegt der ehrliche Messpunkt. Üblich sind etwa 2,5 Millimeter Abstand an der dicken E-Saite und rund 2,0 Millimeter an der hohen e-Saite. Bei mir waren es fast vier Millimeter, auf dem Papier eine Kleinigkeit, an der Gitarre eine Weltreise für jeden Finger.
Jeder Millimeter zu viel bedeutet mehr Kraft beim Herunterdrücken, und das kann zusätzlich die Intonation verschieben, weil die Saite beim Greifen stärker gespannt wird. Mit dem Stimmen der Gitarre selbst, dem Rhythmusgefühl oder der Frage, ob man nach Tabs oder Noten lernt, hat dieses Problem allerdings nichts zu tun. Das sind eigene Baustellen, genauso wenig wie das gleichzeitige Singen und Spielen. An Tagen, an denen die Finger schon zu wund für genaues Messen waren, habe ich lieber Gitarre nach Gehör spielen geübt, statt mit dem Lineal zu hantieren.
Bei E-Gitarren fällt diese Hürde oft von vornherein kleiner aus, weil sie werksseitig meist niedriger eingestellt sind als Akustikgitarren – ein Grund, warum manche Einsteiger lieber dort anfangen. Für mein Projekt blieb trotzdem die alte Westerngitarre im Zimmer die Richtige, einfach weil sie schon da war.
Lohnt sich der Halsstab zum Selbereinstellen?
Der Halsstab – im Englischen auch Truss Rod genannt – ist ein Metallstab im Inneren des Gitarrenhalses, der dem Zug der Saiten entgegenwirkt. Krümmt sich der Hals zu stark, legen die Saiten einen weiteren Weg zurück, und genau das trieb meinen Wert auf fast vier Millimeter.
Mit einem passenden Inbusschlüssel – bei den meisten modernen Akustikgitarren vier Millimeter – habe ich die Gitarre, die sonst still am Heizkörper auf die nächste Einheit wartet, geschnappt und eine einzige Vierteldrehung im Uhrzeigersinn gewagt. Die Angst, den Hals mit einer falschen Bewegung zu beschädigen, war echt, und das leise Knacken des Holzes beim Drehen hat mir für einen Moment den Atem genommen. Nichts ist kaputtgegangen. Das Holz hatte sich nur gesetzt, und nach kurzer Wartezeit war der Hals sichtbar gerader.

Die Stegeinlage selbst abschleifen
Die zweite Stellschraube liegt an der Stegeinlage, dem schmalen Streifen aus Kunststoff oder Knochen, über den die Saiten unten am Korpus laufen. Um sie niedriger zu bekommen, half bei mir nur Schleifpapier, auf dem Küchentisch, zwischen Kaffeetassen, mit gelockerten Saiten und sehr viel Vorsicht, damit nichts schief wird.
Genau in dieser Phase wurde mir klar, warum ich überhaupt bei einem festen Kursformat gelandet bin, statt mich allein durchzuwursteln. Eine Gitarren-App hatte ich vorher drei Wochen lang benutzt und dann kommentarlos wieder vom Handy gelöscht, weil sie mir zwar Akkorde zeigte, aber nie erklärte, warum meine Finger halt trotzdem ständig wehtaten. Mein Vergleich zwischen YouTube und Onlinekursen erzählt mehr davon, aber so viel sei gesagt: Allein hätte ich den Zusammenhang zwischen Schmerz und Saitenlage vermutlich nie gefunden.
Dranbleiben überhaupt ist noch mal ein ganz eigenes Thema, das mit Schleifpapier nichts zu tun hat.
Flacher ist nicht immer besser
In meiner Euphorie wollte ich die Saiten danach so tief wie irgend möglich haben, am liebsten fast auf den Bünden liegend. Genau da liegt die Falle: Eine extrem niedrige Saitenlage ist bequem für die Finger, nimmt den Saiten aber den Platz zum Schwingen, und der Ton verliert Fülle und Sustain.
Schlägt man dann etwas fester an, knallen die Saiten gegen die Bundstäbchen, und es schnarrt wie eine kaputte Blechdose. Mit Kapodaster, der Anschlagtechnik der rechten Hand oder der Körperhaltung beim Spielen hat dieses Schnarren übrigens nichts zu tun. Das sind andere Themen für andere Tage. Ich habe mich an die rund 2,5 Millimeter herangetastet und dort aufgehört, weil es noch wie eine Gitarre klingen sollte und nicht wie ein Eierschneider.
Merkt man den Unterschied beim Spielen wirklich?
Ja, sofort und ziemlich deutlich. Der erste Griff nach der Einstellung fühlte sich an wie ein komplett anderes Instrument, fast schon zu leicht, um echt zu sein. Der F-Dur-Barré-Akkord ist dadurch nicht plötzlich leicht geworden – der Akkordwechsel dorthin kostet mich immer noch Konzentration –, aber aus einem unbezwingbaren Berg ist ein steiler Hügel geworden, für den ich nur etwas mehr Puste brauche.
Wer selbst unsicher ist, ob es an der Technik oder am Instrument liegt, kann sich beim Üben kurz filmen und in Ruhe zurückschauen, wo genau es hakt – oft sieht man es schneller, als man es beim Spielen selbst merkt. Ich habe Frauke ein Video von der ersten schnarrfreien Tonleiter geschickt, und zurück kam, wie immer, nur ein Daumen-hoch-Emoji, ohne ein Wort dazu.