
Gitarre lernen kostet nichts außer ein bisschen Zeit, sagen die einen. Gitarre lernen ruiniert dich finanziell, sagen die anderen, ziemlich dramatisch. Beide liegen daneben – und genau deshalb mache ich aus meinem aktuellen Selbstversuch hier in Leipzig einen ehrlichen Kosten-Check: kein Rechenexempel, sondern das Geständnis einer Musikanfängerin, die dachte, sie wüsste längst, worauf sie sich einlässt.
Seit zwei Jahren schleiche ich um dieses Vorhaben herum, mit drei Fehlstarts im Gepäck, und irgendwie hieß es jedes Mal: Diesmal kostet es nur ein bisschen Disziplin. Diesmal ist es ehrlicher, dachte ich mir auch. Das eigentliche Ärgernis liegt gar nicht im Geld selbst – sondern darin, wo es sich überall versteckt, wenn man nicht hinschaut.
Der Mythos beim Gitarre lernen: Umsonst gibt's nicht
Der Irrglaube hält sich hartnäckig: eine alte Gitarre vom Flohmarkt, ein YouTube-Kanal, fertig, kostenlos, los geht's. Meine erste Klampfe damals kostete 45 Euro und fühlte sich an wie ein Folterinstrument – die Saiten lagen so hoch über dem Griffbrett, dass jeder Akkord sich anfühlte wie Krafttraining.
Billiges Material wirkt harmlos, bis man merkt, dass es die Aufgabequote in die Höhe treibt. Wenn jeder Griff scheppert, egal wie sehr man sich anstrengt, ist Aufhören nur eine Frage der Zeit – und dann verstauben fünfzig Euro totes Holz in der Ecke. Das, finde ich, ist die teuerste Art zu scheitern. Für den aktuellen Anlauf habe ich mir eine solide Westerngitarre geliehen, geschätzter Wert etwa zweihundert Euro, sechs Saiten, zwanzig Bünde – mehr brauche ich gerade nicht.

Die billigste Gitarre wird am Ende zur teuersten
Die Antwort ist eigentlich simpel: Frust ist teurer als jedes Material. Ein Instrument, das sich gut anfühlt, kostet in der Anschaffung vielleicht mehr, aber es kostet nichts an Motivation – und Motivation ist die einzige Währung, die am Anfang wirklich zählt. Bevor ich inzwischen Geld in irgendein Zubehör stecke, prüfe ich erst, ob das Problem am Instrument liegt oder halt an mir.
Ein YouTube-Kanal-Abo für Gitarren-Tutorials hatte ich mir übrigens auch geholt. Nach vier Videos hab ich es wieder gekündigt, weil der Mann im Video doppelt so schnell redete, wie ich Akkorde greifen konnte, und ich mich am Ende dümmer fühlte als vorher – Möchtegern-Rockstar hin oder her. Manche Kosten zahlt man eben in Frustration, nicht in Euro.
Die Kleinteile summieren sich heimlich
Plektren zum Beispiel. Ich besitze gefühlt zwanzig Stück in verschiedenen Stärken, weil sie eine Art Fluchtreflex haben: Sie verschwinden im Sofa, rollen unters Regal, lösen sich in Luft auf, sobald man kurz nicht hinschaut. Ein paar Euro hier, ein paar Euro da – nichts Dramatisches, aber es addiert sich echt.
Dazu kommt die Technik: eine Stimm-App, für die ich diesen Monat ein Abo abgeschlossen habe, weil mich die Werbung in der kostenlosen Version fast mehr genervt hat als jeder falsche Akkord. Wenn ich versuche, den Kammerton A zu treffen, will ich schließlich keine Waschmittelwerbung hören.
Mein Nachbar Armin, der durch die dünnen Altbauwände sowieso alles mitbekommt, sagte neulich im Treppenhaus nur: „Klingt schon fast nach einem Song, Marlene – na ja, fast, wenn man großzügig ist." Genau so klingt ehrliches Feedback, wenn man es sich nicht kaufen kann.

Den mentalen Preis nicht unterschätzen
Der saubere Wechsel zwischen zwei Akkorden ist noch mal ein eigenes Kapitel, das hier keinen Platz kriegt. Wie sich die Fingerkuppen mit der Zeit an den Stahl gewöhnen, ist ebenfalls eine Geschichte für sich. Und ein echtes Rhythmusgefühl entwickelt sich sowieso erst später – neulich stand ich unter der Dusche, summte die Melodie vor mich hin und tippte den Takt mit dem Zeigefinger gegen die kalten Fliesen, bevor mir überhaupt auffiel, was ich da eigentlich tat.
Ob der Song jemals am Connewitzer Kreuz vor echtem Publikum funktioniert, steht auf einem anderen Blatt. Dahin will ich trotzdem irgendwann, und sei es nur für zwei Minuten vor wildfremden Leuten.
Falls ihr wissen wollt, wie die Schnapsidee mit dem Experiment überhaupt entstanden ist: Ich hab das aufgeschrieben, hier entlang: Gitarre lernen als Erwachsener: Mein Plan für das 4-Wochen-Experiment. Und für alle, die kurz davor stehen, alles hinzuschmeißen, hilft vielleicht dieser Text mehr als jeder gute Rat von mir gerade: Gitarre spielen lernen zu Hause: Was tun, wenn man hinschmeißen will?
Abends, wenn die Heizung leise anspringt, schwingen die Saiten manchmal ein kleines Stück mit, ganz von selbst.
Das einzige Duett, das bislang wirklich zuverlässig klappt.
Was am Ende bleibt, ist eine simple Korrektur des Mythos: Gitarre lernen kostet nicht nichts, aber es kostet auch nicht das, was man vorher denkt. Die großen Posten sind klein, die kleinen Posten sind zahlreich, und der teuerste Posten sitzt zwischen den Ohren – die Bereitschaft, nach dem zehnten schiefen Akkord nicht aufzuhören. Wer das einmal verstanden hat, gibt sein Geld für die richtigen Dinge aus: für ein Instrument, das nicht wehtut, und für die eigene Sturheit, die kein Geschäft der Welt verkauft.