Saitenwoche

Gitarre nach Gehör spielen: Wie ich einfache Melodien im Selbstversuch lerne

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Gitarre lernen über Tabs ist wie eine Bedienungsanleitung mit Bildern — jeder Schritt steht da, Finger auf Bund drei, fertig. Gitarre lernen nach Gehör ist wie eine Sprache, die ich angeblich schon mal gesprochen habe und komplett vergessen habe. Für meinen Selbstversuch wähle ich die zweite, unbequemere Variante: Gehörbildung statt Blattlesen, als erwachsene Anfängerin, die nach drei gescheiterten Versuchen eigentlich nur noch EIN Lied können will.

Kurz zu mir, falls wir uns noch nicht kennen: Marlene, 38, Grafikerin aus Leipzig, vierter Anlauf mit der Gitarre nach drei krachend gescheiterten Versuchen vorher. Vier Wochen habe ich mir diesmal gesetzt, ein Lied, egal wie wund die Finger dabei werden. Und ja, ein paar Links hier sind Affiliate-Links zu Kursen, die ich wirklich selbst durchgespielt habe, nicht nur angeschaut.

Warum ich der Gehörbildung mehr vertraue als dem Notenblatt

Den ganzen Tag ordne ich in InDesign Flächen auf den Millimeter genau. Abends will ich nicht noch mehr auf etwas starren — ich will etwas HÖREN, ohne dass ein Notenblatt dazwischensteht. Nach Gehör spielen heißt für mich: der Ton kommt zuerst, die Theorie darf später kommen.

Perfektionistin bin ich halt sowieso, das ist mein eigentliches Problem beim Üben. Mein Gehirn will sofort wissen, OB der Ton stimmt, bevor ich überhaupt zu Ende gespielt habe. Dumm nur: Mit den Ohren kann man nicht korrekturlesen wie mit einem Layout.

Dazu kommt mein Tinnitus — ein feines, hohes Pfeifen, das nie ganz weggeht. Klassische Gehörübungen, bei denen man winzige Tonhöhenunterschiede jagen soll, überreizen mich schnell, dann rauscht alles im Kopf. Also arbeite ich lieber mit den tieferen, satteren Tönen des Gitarrenkorpus als mit hohen Frequenzen — sonst gewinnt bei mir das Pfeifen und nicht die Musik.

Gitarre und Stimmgerät auf dem Couchtisch – beim Gitarre lernen kommt die Gehörbildung erst nach dem Stimmen

Der Vier-Wochen-Rahmen, der mich bei der Stange hält

Drei Anläufe vorher bin ich einfach versandet. Einmal habe ich mir sogar brav jeden Tag dreißig Minuten im Kalender geblockt — nach einer Woche habe ich den Termin kommentarlos ignoriert und monatelang nicht mehr draufgeschaut. Disziplin nach Plan funktioniert bei mir offenbar nicht, ein fester äußerer Rahmen dagegen schon eher.

Deshalb der norberg Gitarrenkurs.

Was mich überzeugt hat, war nicht die Optik der Lernplattform — da bin ich als Grafikerin kritisch —, sondern dass der Kurs schnörkellos auf vier Wochen und ein Lied hinarbeitet, ohne mich mit zehn parallelen Modulen zu erschlagen. Ob man lieber mit App, Video-Kurs oder einem festen Programm wie diesem lernt, ist am Ende Typsache. Bei mir brauchte es den klaren äußeren Rahmen, sonst verläuft sich mein Enthusiasmus spätestens an Tag drei im Nichts.

Die ersten Übungen waren fast enttäuschend simpel: die sechs Saiten einzeln hören, E-A-D-G-B-e, und merken, ob der nächste Ton höher oder tiefer klingt als der vorherige. Zwölf Halbtöne, mehr gibt es in unserer Musik nicht — in der Theorie ein Klacks, in der Praxis wie Wandern im Nebel.

Zehn Tage, wunde Fingerkuppen, eine verstimmte Saite

Nach zehn Tagen wollte ich die Gitarre am liebsten aus dem Fenster werfen. Die Fingerkuppen pochten bei jedem Griff, und nach zwei übungsfreien Tagen fühlten sich die Saiten kalt und komplett unnachgiebig an, fast wie dünner Draht, der sich einfach nicht biegen lassen will. Wie lange die Haut braucht, um sich daran zu gewöhnen, ist nochmal ein eigenes Thema für sich — bei mir hat es sich gefühlt ewig gezogen.

Ein Abend blieb besonders hängen. Ich wollte das Eröffnungsriff eines Songs finden, den ich echt liebe. Stunden gingen dafür drauf. Gehört, gesucht, geflucht. Schultern bis zu den Ohren hochgezogen, dieser dumpfe Spannungskopfschmerz im Nacken.

Und dann die Pointe: Meine tiefe E-Saite war die ganze Zeit einen Halbton zu tief gestimmt. Ich war so aufs Hören fixiert, dass ich vergessen hatte, überhaupt zu stimmen. Klassischer Fehler — wer das Instrument nicht stimmt, trainiert sein Ohr am Ende nur darauf, falsche Töne für richtig zu halten. Seitdem stimme ich zuerst, höre danach. Keine Ausnahme mehr.

Beim Sonntagslauf am Karl-Heine-Kanal habe ich Heidrun davon erzählt, wir joggen da seit drei Jahren zusammen, und sie hat nur gefragt: „Hast du eigentlich kontrolliert, ob das Ding überhaupt richtig gestimmt war?" Typisch Heidrun. Sie gibt nie Ratschläge, sie stellt einfach die eine Frage, auf die man selbst längst hätte kommen können.

Für den ganz großen Frust gibt es übrigens einen eigenen Beitrag dazu: Gitarre lernen Motivation verloren: Was ich gegen den Frust im Selbstversuch tue. Hilft, wenn man kurz vorm Hinschmeißen steht.

Wacht mein Gehör auf? Woche vier und ein Takt ohne Schnarren

Drei Wochen lang passierte gefühlt: nichts. Dann, mitten in Woche vier, lief auf einmal ein ganzer Takt durch, ohne dass eine Saite schnarrte — bemerkt habe ich es erst, weil ich kurz die Luft angehalten hatte, aus lauter Angst, die Konzentration zu verlieren. Kein großes Gefühl, kein Geblitz im Kopf, einfach: es lief durch.

Was dabei am meisten hilft, ist Rhythmus vor Melodie zu hören — erst den Puls im Song finden, dann die Töne drauflegen. Sobald der Takt sitzt, fallen die richtigen Töne fast von selbst an die richtige Stelle. Akkordwechsel sind nochmal ihr eigenes Kapitel, aber sobald der Rhythmus stimmt, fühlen sich auch die Wechsel weniger hektisch an. Dazu kommt singen UND spielen gleichzeitig, was anfangs komplett lächerlich klingt, das Ohr aber zwingt, den nächsten Ton vorauszuhören statt ihn erst zu suchen, wenn er schon da sein sollte.

Tabs habe ich bewusst nicht angerührt, nicht aus Prinzip, sondern weil meine Finger dann wieder nach Zahlen greifen statt nach Klang. Wer trotzdem lieber mit Tabs arbeitet: völlig legitimer Weg, nur eben nicht meiner für diesen Versuch.

Dass ich überhaupt so weit gekommen bin, ohne wieder abzuspringen, verdanke ich auch dem Druck, den der norberg Gitarrenkurs aufgebaut hat — das feste Wochenraster lässt einfach keine Ausrede zu.

Im Gitarren-Anfänger-Forum taucht öfter ein gewisser Achim Brestrup in den Kommentaren auf. Der Mann kennt nach drei Wochen Gitarre überraschend mehr Akkorde, als ich nach vier Wochen zusammenbekomme. Macht nichts. Jeder hat sein eigenes Tempo.

Kann ich jetzt ein Lied? Ja, aber nicht so, wie ich dachte

Die Nachbarn klopfen nicht wegen Autogrammen an. Aber ich kann eine einfache Melodie nach Gehör spielen, ohne Tabs, ohne Noten, nur mit Ohr und sechs Saiten.

Zwischendurch, als der Frust am zehnten Tag besonders groß war, bin ich einfach rausgegangen und über den Naschmarkt gelaufen, ohne Kopfhörer, nur um den Kopf freizubekommen. Komischerweise kam danach die nächste Übungsrunde leichter — irgendwie, weil ich aufgehört hatte, krampfhaft zuzuhören.

Ein paar Dinge würde ich nächstes Mal anders machen: früher auf die Körperhaltung achten statt krumm über das Griffbrett gebeugt zu üben, und mich beim Üben öfter selbst aufnehmen — man hört eigene Fehler auf Aufnahme gnadenloser, als man sie live merkt. Ob eine E-Gitarre am Ende die bessere Wahl gewesen wäre, kann ich nicht sagen, ich hatte ja nur meine eine Klampfe zur Auswahl.

Wer gerade erst anfängt oder wieder einsteigen will: Der Erfahrungsbericht für Wiedereinsteiger hat mir am Anfang Mut gemacht, vielleicht hilft er auch euch weiter.

Die chromatische Tonleiter ist für mich inzwischen kein trockenes Theoriekapitel mehr, sondern einfach die zwölf Schritte, zwischen denen sich jede Melodie bewegt.

Wer eher auf moderne YouTube-Vibes steht, für den ist vielleicht der Michigit Gitarrenkurs die bessere Adresse. Ich habe mich bewusst für den strengeren Rahmen entschieden, weil ich genau diesen äußeren Druck gebraucht habe — ohne ihn hätte ich wahrscheinlich schon bei der ersten sichtbaren Hornhaut wieder aufgegeben.

Falls ihr auch so ein „ewiges Talent" wie ich seid und endlich mal ein Lied wirklich KÖNNEN wollt: Schaut euch den norberg Gitarrenkurs einfach selbst mal an, die aktuellen Konditionen stehen direkt beim Anbieter.

Morgen stimme ich zuerst. Dann schauen wir, ob Oasis auch nach Gehör geht.

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