
Vier Zentimeter Unterschied in der Gurtlänge entscheiden bei mir zwischen entspannten Schultern und einem Handgelenk, das nach wenigen Minuten anfängt zu ziehen. Klingt nach nichts. Ist aber der Punkt, an dem sich beim Gitarre lernen im Stehen fast alles verändert. Sitzen kenne ich gut, aus meinem ganzen Selbstversuch bisher. Stehen mit Gitarrengurt ist eine komplett andere Sache, und genau die beiden stelle ich hier nebeneinander, mit ein paar Anfänger-Tipps, die mir vorher keiner gesagt hat.
Ich habe lange gedacht, Sitzen sei einfach die bessere Variante – bequemer, sicherer, kein Grund zum Umfallen. Im Sitzen liegt der Gitarrenkorpus auf dem Oberschenkel, und in den ersten Sekunden fühlt sich das Holz kühl an, bevor es sich an die Körperwärme anpasst. Genau diese Auflage fällt im Stehen komplett weg. Erst dadurch merkt man, wie viel Arbeit der Oberschenkel heimlich übernommen hat.
Sitzen gibt Sicherheit, die man erst beim Stehen vermisst
Rückenschmerzen waren bei mir überhaupt der Grund, über die Haltung nachzudenken – Erfahrungen mit der Haltung und Rückenschmerzen habe ich an anderer Stelle schon ausführlicher aufgeschrieben, hier geht es nur um den direkten Vergleich zwischen Sitzen und Stehen. Im Sitzen sackt die Schulter nach vorne, weil der Blick automatisch zum Griffbrett wandert. Im Stehen passiert fast das Gegenteil: Der Rücken richtet sich fast von selbst auf, einfach weil man sonst das Gleichgewicht verliert.
Akkordwechsel fühlen sich im Stehen am Anfang schwerer an, weil der linke Arm keine Auflage mehr hat und jede Bewegung freischwebend passieren muss.

Der Moment, in dem das Griffbrett verschwindet
Beim Sitzen sehe ich die Bundmarkierungen fast automatisch, weil der Hals in einem bequemen Winkel vor mir liegt. Beim Stehen kippt der ganze Winkel, und ich schaue nur noch auf die schmale Kante des Griffbretts von oben. Tabs auf dem Handy lesen wird dadurch spürbar schwerer, weil der Bildschirm nicht mehr in Schoßhöhe liegt, sondern irgendwo zwischen Notenpult und Luft schweben müsste.

Einmal habe ich versucht, zusammen mit einem Freund zu üben, der schon deutlich weiter war – er ist einfach Akkord für Akkord weitergegangen, während ich noch am ersten Wechsel klebte. Das Tempo hat mich nur frustriert, und am Ende habe ich die Gitarre für den Rest des Abends in die Ecke gestellt. Allein im Stehen zu üben ist komplizierter, aber wenigstens bestimmt niemand außer meinem eigenen, leicht überschätzten Ego das Tempo.
Neulich unter der Brause ist mir die Melodie des neuen Songs einfach so rausgerutscht, ohne dass ich es wollte, und meine Finger haben den Rhythmus gegen die Fliesen geklopft, bevor der Kopf überhaupt mitgedacht hat. Erst dabei ist mir aufgefallen, wie sehr beim Stehen das Mitwippen der Beine fehlt, das beim Sitzen fast automatisch den Takt hält.
Zwei Gurtlängen, zwei komplett unterschiedliche Probleme
Ein Gurt lässt sich auf zwei sehr unterschiedliche Arten einstellen, und beide haben ihre eigene Logik. Hängt die Gitarre hoch, fast unter dem Kinn, sieht man das Griffbrett wieder fast wie im Sitzen – dafür wirkt die ganze Haltung gedrungen, fast wie beim Spielen an einem Stehpult. Hängt sie tief, in Hüfthöhe, sieht die Haltung lockerer aus, aber die linke Hand muss für jeden Barré-Akkord einen Umweg nach unten machen, der auf Dauer mehr Kraft kostet als er optisch bringt.
Kapodaster nehmen bei hohen Lagen etwas Druck raus, das ändert aber nichts an der Grundfrage, wie tief der Gurt überhaupt hängt.

Wann lohnt sich Stehen für Anfänger wirklich?
Die Antwort hängt stark davon ab, was man vorhat. Wer nur zuhause ein Lied für sich selbst spielen will, muss sich das Stehen eigentlich nicht antun. Wer aber vorhat, mit der Gitarre auch mal rauszugehen – ich habe mir ausgemalt, am Connewitzer Kreuz stehen zu bleiben, wenn da mal wieder spontan jemand mitspielt – kommt um das Stehen nicht herum, weil es dort schlicht keine Couch gibt, auf die man sich setzen könnte.
Welches Instrument man überhaupt wählt, E-Gitarre oder Akustik, entscheidet lange vor dieser Frage mit, weil beide unterschiedlich schwer am Gurt ziehen. Verstimmt klingt eine schlecht gestimmte Gitarre im Stehen übrigens genauso schief wie im Sitzen, das hat mit der Haltung nichts zu tun.
Singen und gleichzeitig spielen wird im Stehen bei mir sogar eher leichter, weil der Bauch mehr Platz zum Atmen hat als zusammengesunken auf dem Sofa. Wer sich beim Üben filmt, um die eigenen Fehler zu erkennen, sieht auf dem Video sofort, ob die Schulter im Stehen hochgezogen ist, was man selbst im Moment kaum spürt.
Dranzubleiben ist beim Stehen nicht automatisch schwerer, aber frustrierender, wenn der Gurt mehr Nerven kostet als die Akkorde selbst - in meinem Bericht über Motivationslöcher geht es genauer darum, wie man über solche Durststrecken kommt. Ob man dafür eine App oder einen Onlinekurs nutzt, ändert an der Sitzen-oder-Stehen-Frage nichts, und auch ein fester Vier-Wochen-Plan baut das Stehen meistens erst spät ein, dabei entscheidet gerade die Haltung oft früher, ob am Ende überhaupt etwas hängen bleibt.
Die Fingerkuppen härten sich unabhängig davon ab, ob man sitzt oder steht, das eigentliche Problem beim Stehen liegt woanders, nämlich im Handgelenk und in der Schulter. Die rechte Hand mit dem Plektrum hat sowieso genug eigene Probleme, egal in welcher Haltung, das Ding rutscht einem ständig weg.
Mein Nachbar Armin Weckerle hat durch die Wand natürlich einiges mitgehört, in beiden Positionen. Nach Technik fragt er nie, das interessiert ihn schlicht nicht – er sagt nur, im Stehen klinge es für sein Gefühl bestimmter, im Sitzen eher verhuschter. Ob das stimmt, kann ich fachlich nicht beurteilen, aber als Bauchgefühl-Urteil nehme ich es gern.

Erst abwägen, dann entscheiden: Sitzen oder Stehen
Meine Faustregel nach allem Abwägen: Sitzen bleibt die bessere Wahl, wenn es um neue Akkorde, neue Lieder oder einfach ruhiges Üben am Abend geht, weil der Körper dort eine Sache weniger regeln muss. Stehen lohnt sich, sobald ein Song schon einigermaßen sitzt und es darum geht, ihn später auch vor anderen oder unterwegs zu spielen – dann ist die Anfangsphase mit wackelnden Knien und rutschendem Gurt einfach der Preis für die spätere Freiheit.
Die Couch hat davon ohnehin nichts gemerkt. Sie wartet einfach, bis ich mich wieder hinsetze, um einen neuen Akkord zu lernen – und steht dann wieder leer, wenn es ans Ausprobieren geht.