Saitenwoche

Gitarre lernen mit kleinen Händen: Meine Tipps für Frauen mit kurzen Fingern

Da ist eine harte Stelle an meiner linken Zeigefingerkuppe, dort, wo vorher einfach nur weiche Haut war — ein stiller Beweis, dass zehn Wochen Selbstversuch etwas hinterlassen haben. Gitarre lernen mit kleinen Händen, so viel weiß ich inzwischen, ist eine andere Baustelle als das, was in den meisten Anfängerbüchern steht — und genau deshalb sammle ich hier die Tipps, die bei mir wirklich funktioniert haben, nicht die aus dem Standardratgeber für Normhände.

Angefangen hat das nicht mit diesem Versuch, sondern mit drei gescheiterten Anläufen davor. Einmal hab ich mich bei einer Musikschule angemeldet und bin nach der zweiten Stunde einfach nicht wieder hingegangen. Der ursprüngliche Vier-Wochen-Plan ist längst vorbei, aber aufgehört hab ich trotzdem nicht — diesmal ziehe ich es durch, damit ich mir nicht schon wieder selbst ausweichen kann.

Auf einem Spaziergang am Karl-Heine-Kanal hab ich neulich einem Freund davon erzählt, der seit drei Jahren in einer Amateurband Schlagzeug spielt. Er meinte nur, jedes Instrument hätte seine eigenen fiesen Ecken — bei ihm sei es die linke Fußmaschine. Das hat mir komischerweise geholfen. Nicht, weil es mein Problem löst, sondern weil ich gemerkt hab: Ich kämpfe hier nicht allein gegen ein Stück Holz, das nicht für meine Hände gemacht wurde.

Der Hals ist zu breit, nicht meine Hand

Mein Fehler war lange, zu glauben, das liege an mangelndem Talent oder zu wenig Übung. Als Grafikerin bin ich Präzision gewohnt — ein Pixel hier, eine Vektorkurve da, alles im Griff. Aber auf diesem Holzbrett mit Stahlsaiten fühlen sich meine Hände plötzlich an wie zwei kleine, ungeschickte Würstchen bei einem Mikado-Spiel, das sie nicht gewinnen können.

Kleine Hand mit kurzen Fingern greift mühsam einen Akkord auf breitem Gitarrenhals

Dabei hab ich recherchiert, warum andere Frauen das offenbar leichter schaffen, und bin auf ein paar Zahlen gestoßen, die einiges erklärt haben. Meine alte Wandergitarre hat eine Sattelbreite von 52 mm, der Standard bei einer klassischen Konzertgitarre. Klingt nach wenig. Verglichen mit einer schmaleren Westerngitarre, die oft nur 43 mm hat, ist dieser knappe halbe Zentimeter für kurze Finger der Unterschied zwischen Planschbecken und Atlantik.

Dazu kommt die Mensur, also die Länge der schwingenden Saiten — bei meiner 4/4-Gitarre satte 650 mm. Wenn der Hals so breit ist wie ein Frühstücksbrettchen und die Bünde trotzdem weit auseinanderliegen, ist Frust vorprogrammiert. Lange hab ich versucht, die Abstände einfach wegzudehnen, so weit, dass es beinah wehtat, statt nach einer klügeren Lösung zu suchen.

Winkel vor Gewalt: der Trick für kleine Hände

Überall liest man 'Dehn deine Finger' oder 'Mach Fingerübungen'. Ich hab brav Fingerübungen für Gitarre Anfänger gemacht, aber der eigentliche Durchbruch war technischer Natur, keine Frage der Ausdauer. Akkordwechsel sind übrigens nochmal ein ganz eigenes Kapitel, das spar ich mir an dieser Stelle.

Mein Fehler war die brachiale Überdehnung der Fingerknöchel. Der Daumen klebte viel zu hoch oben am Hals, fast so, als wollte ich ihn umarmen. Bei Jimi Hendrix mit seinen Riesenhänden mag das funktionieren, bei mir keine Chance. Der eigentliche Trick für uns mit kleinen Händen: den Gitarrenhals bewusst flacher halten.

Halte ich die Gitarre in einem eher klassischen Winkel, den Hals deutlich nach oben geneigt, und setze den Daumen weiter unten auf der Rückseite des Halses an, gewinne ich auf einmal Zentimeter an Reichweite. Die Hand muss sich nicht mehr zwanghaft spreizen. Es geht um die Daumenposition, nicht um physische Folter.

In dem Onlinekurs, den ich nebenbei mache, wurde das nur beiläufig erwähnt, aber für mich war's die Rettung. Ich hab neulich aufgeschrieben, warum ich den AndiT Kurs bevorzuge, da er solche anatomischen Hürden einfach gut erklärt.

Daumenposition auf der Rückseite des Gitarrenhalses als Tipp für Gitarristinnen mit kleinen Händen

Die Schwiele am Zeigefinger, die ich eingangs erwähnt hab, gehört wohl einfach dazu. Fingerkuppen-Härtung ist nochmal ein eigenes Thema für sich, aber ohne diesen Winkel-Trick hätte ich wahrscheinlich vorher aufgegeben, bevor die Haut überhaupt die Chance hatte, sich anzupassen.

Hilft ein Kapodaster wirklich gegen zu kurze Finger?

Regine, die unter meinem allerersten Wochenbericht als Erste kommentiert hat, wollte neulich wissen, ob ein Kapodaster nicht irgendwie schummeln sei. Ich glaub, sie kommentiert lieber, als selbst zur Gitarre zu greifen — aber die Frage war trotzdem berechtigt.

Die Antwort ist: nein. Klemm den Kapodaster in den dritten Bund — die Abstände zwischen den Bünden werden zum Korpus hin immer kleiner, du musst die Finger dort also viel weniger weit spreizen als ganz vorne am ersten Bund. C-Dur fühlt sich dort plötzlich nicht mehr an wie ein Spagat auf Glatteis.

Über meine Erfahrungen mit dem Kapodaster hab ich ja schon mal berichtet — eine echte Rettung, wenn man eigentlich schon aufgeben will. Bevor ich überhaupt an Akkorde denke, muss die Gitarre sauber gestimmt sein, sonst bringt der beste Winkel nichts, aber wie das genau geht, ist nochmal eine andere Geschichte. Noten les ich sowieso nicht, ich arbeite mit Tabs — nur nebenbei erwähnt.

Falls du dir tatsächlich eine neue Gitarre zulegst: schau nach einer 7/8-Gitarre, die Mensur liegt meistens zwischen 620 und 630 mm. Klingt nach einer Winzigkeit. Für eine kleinere Hand ist das aber der Unterschied zwischen 'Ich kann das' und 'Ich verkauf das Ding wieder'.

Kapodaster am dritten Bund erleichtert das Greifen für Spielerinnen mit kleinen Händen

Anatomie ist kein Urteil

Perfekt ist mein G-Dur immer noch nicht. Manchmal schleicht sich das 'Plonk' noch ein, wenn ich unkonzentriert bin. Aber das brennende Ziehen im Handrücken ist weg, und das allein ist schon viel wert.

Rhythmus und Singen dazu sind nochmal andere Baustellen, um die kümmere ich mich, wenn die Hände nicht mehr wehtun. Motiviert bleiben ist sowieso ein eigenes Kapitel für sich — an manchen Abenden reicht es schon, dass ich die Gitarre nicht wieder in die Ecke gestellt hab.

Klingt banal. Ist aber echt die halbe Miete, wenn man wie ich schon dreimal aufgegeben hat.

Man muss nicht die Spannweite eines Konzertpianisten haben. Man darf Hilfsmittel nutzen, ohne dass das wie Schummeln zählt. Falls du gerade vor deiner Gitarre sitzt und denkst, deine Finger seien zu kurz: probier den flacheren Winkel, rutsch mit dem Daumen tiefer, und gönn dir zur Not den Kapodaster im dritten Bund. Ein paar Millimeter Holz sollen uns doch nicht aufhalten.

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