
6,35 Millimeter. So dick ist der kleine Metallstift, der aus meiner Angst vor den Nachbarn ein brauchbares Übungsprogramm gemacht hat. Wer in einer Mietwohnung Gitarre lernen will, kennt das Problem: In einem Altbau in der Südvorstadt hat man schnell das Gefühl, dass jeder Akkord durchs ganze Haus wandert. Die Antwort vorweg: E-Gitarre, Kopfhörer und eine Anschlagshand, die auch bei wenig Lautstärke sauber arbeitet. Leise üben heißt nämlich nicht zaghaft üben, und genau um diesen Unterschied geht es hier.
Zaghaftes Spielen ist keine Lösung
Wer ständig auf ein Klopfen an der Wand wartet, spielt entschuldigend. Die Saiten werden nur angetippt, die Griffhand drückt halbherzig, und heraus kommt ein Schnarren, das SCHLIMMER klingt als jeder saubere Akkord in normaler Lautstärke. Man lernt dabei vor allem eins: die Gitarre wie ein rohes Ei zu behandeln.
Zum Maßstab: Ein normales Gespräch hat einen Schalldruckpegel von etwa 60 dB, und eine normal gespielte Akustikgitarre liegt locker darüber. Wann Musizieren im Haus okay ist, regelt die Hausordnung, und die ist halt in jedem Haus anders. Rechtlich beraten kann ich dich nicht, ich lese sie einfach vorher durch, bevor jemand mit dem Besenstiel gegen die Decke klopft.
Was bei mir gar nicht funktioniert hat: Eine geliehene Gitarre stand einmal sechs Monate lang unangetastet im Zimmer, weil ich mich nicht getraut habe, Krach zu machen. Sechs Monate Rücksicht auf die Nachbarschaft, null Akkorde. Ich habe mir das Üben selbst verboten, ohne dass je jemand geklopft hätte.

Leise üben mit der E-Gitarre: Wie funktioniert das?
Die Rettung liegt in der Buchse. Ein Klinkenstecker mit 6,35 mm Durchmesser steckt am Kabel, das Kabel steckt in der Gitarre, und am anderen Ende hängen Kopfhörer, entweder über einen kleinen Verstärker oder über ein Interface. Der volle, satte Sound landet in meinen Ohren statt an der Wand.
Im Zimmer bleibt ohne Verstärker nur das dünne, metallische Schnarren der Saiten. Es fühlt sich an wie ein privates Konzert, nur für mich. Beim Aufsetzen zieht die Kälte des Korpus kurz durch die Hose auf den Oberschenkel, dann ist das Holz warm, und ich bin allein mit dem Klang.
Der eigentliche Gewinn ist die Fehlertoleranz. Wenn ich den F-Dur-Barre in der Online-Musikschule zum zehnten Mal versemmle und es klingt wie eine sterbende Ente, ist das EGAL. Niemand hört es außer mir. Neulich habe ich zwei Minuten ohne einen einzigen Abbruch durchgespielt und danach still die Gitarre angestarrt.
Meine Faustregel: Alles, was neu und wackelig ist, kommt mit Kopfhörern. Die Lektionen aus dem Online-Kurs laufen bei mir grundsätzlich so, weil ich dabei viel konzentrierter arbeite, wenn keine Angst vor Fehlern mitspielt. Sonntags beim Joggen fragt mich Heidrun nur, wie sich das eigentlich anfühlt, wenn außer mir keiner hört, was ich spiele. Ratschläge gibt sie keine. Die Frage reicht.
Falls du dich fragst, ob Stromgitarre etwas für dich ist: warum ich mich für die E-Gitarre umentschieden habe, steht in einem eigenen Beitrag. Der Druck, immer gut klingen zu müssen, ist damit jedenfalls weg.
Erst laut, dann leise: Anschlagskontrolle trainieren
Dieser Teil klingt unlogisch: Wer leise spielen will, muss zuerst laut spielen können. Kopfhörer allein reichen dafür nicht. Wenn im Haus ohnehin Musik erlaubt ist, etwa an einem verregneten Sonntagnachmittag, übe ich ganz bewusst mit voller Dynamik auf der Akustikgitarre und hole die Töne so laut und klar heraus, wie es geht.
Der Grund ist die Anschlagskontrolle. Wer weiß, wie viel Kraft ein sauberer, lauter Ton braucht, findet leichter die Dosis darunter, also die Saiten so zu streicheln, dass sie bei geringer Lautstärke noch klingen und nicht nur „plopp” machen. Mein Prüfkriterium dafür ist einfach: Verschwinden einzelne Saiten bei leichtem Anschlag, war ich zu zaghaft. Schwingt die Gitarre hörbar im Zimmer mit, war ich zu grob.

Diese Kontrolle senkt den Lärmpegel auf Dauer viel besser als ständiges Dämpfen mit Socken oder Schaumstoff, das bei mir auch nichts gebracht hat. Man beherrscht die Gitarre, statt von ihr beherrscht zu werden. Und wenn die linke Zeigefingerkuppe schon zieht, soll wenigstens jeder Millimeter Druck in einen guten Ton fließen.
Kleine Helfer, die keine Nerven kosten
Die Play-Alongs meiner Online-Musikschule mische ich über die Kopfhörer mit dem Gitarrensignal. Das ist großartig, weil man sich nicht so allein fühlt. Im Raum hört man von mir dann höchstens leise Selbstgespräche.
Ein Kopfhörer-Verstärker ist ein winziges Teil, das direkt in die Gitarre steckt, kein Kabelsalat, maximaler Sound. Ein dicker Teppich unter den Füßen klingt banal, schluckt aber unheimlich viel Körperschall, wenn man doch mal ohne Kopfhörer spielt. Zum Stimmen nehme ich ein Clip-Stimmgerät, das auf die Vibration des Holzes reagiert, also muss ich keine Saite laut anschlagen, um zu hören, ob sie sitzt. Wie ich sonst stimme, ist ein eigenes Thema.
Gerade am Anfang sortiert man ständig die Finger und starrt gefühlte Stunden auf die Greifhand. Falls es dir auch so geht, schau dir meine Fingerübungen für Gitarre-Anfänger an, die kann man wunderbar trocken üben, während eine Serie läuft, ganz ohne einen einzigen Ton.

Was ich vor jedem leisen Übungsabend prüfe
Erst kommt die Hausordnung im Kopf: Ist gerade eine Zeit, in der Musizieren im Haus in Ordnung ist? Wenn ja, darf die Akustische laut ran. Wenn nein, wandern die Kopfhörer auf und die E-Gitarre kommt auf den Schoß.
Dann folgt das Kabel. Ich lege es so, dass ich nicht drüber stolpere, denn ich habe mehr Zeit damit verbracht, über Kopfhörerkabel zu fallen, als ich zugeben möchte. Selbstironie ist halt Teil des Systems.
Zuletzt frage ich mich, ob die Übung neu ist. Ist sie es, darf sie hässlich klingen, und zwar nur für mich. Dass ich damit überhaupt dranbleibe, liegt auch an einem strukturierten Aufbau statt planlosem Herumprobieren, und warum ich den AndiT Kurs bevorzuge, steht in einem anderen Beitrag. Jetzt Kopfhörer auf, Kabel entwirrt, die Saiten warten schon.