Saitenwoche

Gitarre richtig stimmen für Anfänger: So klingt mein Song endlich sauber

Meine Augen erkennen eine Linie, die um einen Zehntelmillimeter verrutscht ist, sofort. Meine Ohren brauchten Wochen, um überhaupt zu merken, dass eine ganze Saite komplett daneben liegt. Genau dieser Unterschied zwischen meinem Grafikerinnen-Blick und meinem Anfänger-Gehör hat mir gezeigt, warum Gitarre stimmen für mich am Anfang das eigentliche Problem war: nicht die Akkorde, nicht die Finger, sondern dieses eine Ohr, das noch gar nichts konnte.

Physik verhandelt nicht mit sich selbst, und Stahlsaiten schon gar nicht. Wenn die Spannung nicht stimmt, hilft der schönste Griff nichts. Das musste ich mir ziemlich hart eingestehen, nach drei Anläufen, die ich schon vorher abgebrochen hatte.

Bevor dieser Selbstversuch überhaupt losging, hatte ich mir schon einmal ein teures Online-Kurspaket gekauft. Die erste Lektion darin habe ich bis heute nicht geöffnet. Tab geschlossen, schlechtes Gewissen, fertig.

Seit zwei Jahren nehme ich mir dieses Vorhaben mit schöner Regelmäßigkeit vor und breche es genauso regelmäßig wieder ab. Diesmal, sage ich mir, zähle ich nicht mehr die Anläufe, sondern die Wochen.

Sechs Saiten, sechs Namen, ein Ankerton

Sechs Saiten hat meine Gitarre, keine mehr und keine weniger, und jede trägt einen eigenen Buchstaben: E, A, D, G, H, E. Den Merkspruch dafür vergesse ich trotzdem etwa alle zwei Wochen wieder und muss ihn googeln, obwohl ich ihn angeblich schon auswendig kann.

Nahaufnahme: Hand dreht die Wirbel einer Gitarre beim Stimmen als Anfängerin

Zwischen den meisten Saiten liegt derselbe Abstand, eine Quarte, fünf Halbtöne. Nur an einer einzigen Stelle, zwischen der G- und der H-Saite, ist der Abstand kleiner, eine große Terz. Warum ausgerechnet dort die Regel bricht, will sich meinem ordnungsliebenden Kopf bis heute nicht erschließen.

Der Fixpunkt für das Ganze ist der Kammerton A, der Ton, auf den sich fast die gesamte Musikwelt geeinigt hat – 440 Hertz, nicht verhandelbar. Sitzt das A daneben, wackelt hinterher jede einzelne Saite mit.

Hitze bringt mich aus dem Konzept

Draußen liegt gerade die erste richtige Hitzewelle des Jahres über Leipzig, und die hat mich komplett kalt erwischt. Holz arbeitet bei Wärme, Metall ebenfalls, und die Saitenspannung verändert sich dadurch ständig. Ich stimme, lege die Gitarre für ein paar Minuten weg, und wenn ich zurückkomme, ist wieder alles einen Hauch zu tief.

Neue Saiten machen es nicht einfacher. Sie müssen sich erst dehnen, ungefähr so, wie neue Schuhe erst eingelaufen werden. Ich ziehe jetzt vorsichtig an jeder einzelnen, um den Prozess abzukürzen, und mit jedem Zug rechne ich halb damit, dass mir gleich eine ins Gesicht schnalzt. Wie sich meine Fingerkuppen in diesen Wochen überhaupt verändert haben, ist nochmal eine komplett andere Geschichte für sich.

Dazu kommt, dass ein einfaches Stimmgerät jede Erschütterung in der Nähe als Ton missversteht. Vorbeifahrender Verkehr, eine zufallende Tür irgendwo im Haus – die Nadel schlägt aus, obwohl ich gar nichts angeschlagen habe. Stille ist beim Stimmen ein Luxus, den man sich in der Stadt aktiv suchen muss.

Als Anfängerin dem eigenen Ohr wieder trauen lernen

Das grüne Lämpchen am Stimmgerät fühlt sich jedes Mal wie ein kleiner Erfolg an, keine Frage. Nur macht es mich auch bequem: Ich schaue aufs Display, statt wirklich hinzuhören, und genau das wollte ich in diesem Selbstversuch eigentlich vermeiden.

Clip-on-Stimmgerät an der Kopfplatte zeigt grünes Licht beim Gitarre stimmen

Also stimme ich inzwischen zuerst nach Gehör und nutze das Gerät nur noch zur Kontrolle danach. Die tiefe E-Saite schlage ich an, greife den fünften Bund, und versuche, die A-Saite genau darauf einzupendeln. Ein bisschen ist es wie Farben mischen ohne Farbfächer – man entwickelt irgendwann ein Gespür dafür, ohne dass einem jemand sagt, wann es passt.

Ob ich in diesen Wochen wirklich drangeblieben bin oder x-mal kurz vorm Hinschmeißen stand, ist eine Geschichte, die ich woanders ausführlicher erzähle.

Eine Leserin, Regine Kübler, hat unter meinem allerersten Tagebucheintrag geschrieben, dass ihre eigene Gitarre seit Jahren hinter dem Sofa steht, ungenutzt. Kommentiert hat sie seitdem öfter, geübt hat sie meines Wissens noch nicht, was ich nur zu gut nachvollziehen kann.

Falls du gerade an einem ähnlichen Punkt hängst, hab ich meine Probleme beim Singen und Spielen in Woche 3 woanders ausführlich aufgeschrieben – das Stimmen war da nur die Spitze von einem viel größeren Eisberg.

Was in Woche 6 endlich anders klang

In Woche 6 ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass ich einen G-Dur-Akkord gegriffen habe, ohne überhaupt auf meine Finger zu schauen. Der Blick war beim Text, irgendwo anders, und die Hand hat es trotzdem hingekriegt.

Wie der Wechsel zwischen zwei Akkorden im Detail funktioniert, ist nochmal ein eigenes Kapitel, das ich getrennt behandle. Genauso wie der Vier-Wochen-Fahrplan, den ich mir zu Beginn zurechtgelegt hatte, oder mein Rhythmusgefühl, das anfangs praktisch nicht existiert hat – beides eigene Themen für sich.

Danach bin ich raus, eine Runde durch den Clara-Zetkin-Park, um den Kopf freizubekommen. Eine Nachbarin saß auf ihrer Bank, wie an den meisten Abenden, und strickte an demselben Pullover, an dem sie schon seit zwei Wintern strickt. Sie hat gefragt, ob die Gitarre inzwischen wenigstens nach etwas klingt. Ich habe zum ersten Mal wirklich ja gesagt.

Heute Morgen, nach einer kühleren Nacht, klang die Gitarre fast von allein richtig, kaum aus dem Koffer geholt. Ich hab direkt meine Top 5 Songs für Anfänger durchgespielt, und weil die Stimmung passte, hab ich mich auch getraut, fester in die Saiten zu greifen.

Stimmen ist keine Nebensache, sondern die Voraussetzung dafür, dass man beim Spielen alles um sich herum vergisst. Meine Nachbarn halten mich wahrscheinlich weiterhin für eine Gefahr für die örtliche Katzenpopulation. Mir soll's recht sein. Heute klingt es zum ersten Mal wirklich nach einem Song.

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