Saitenwoche

Gitarrensaiten wechseln für Anfänger: Warum ich solche Angst vor dem Riss habe

Achtzig Kilo Zug liegen auf sechs Saiten, wenn eine Gitarre in Standardstimmung steht — ungefähr so viel wie ein ausgewachsener Mann, der sich auf den Steg setzt. Diese Zahl geht mir seit Tagen durch den Kopf, seit klar ist: Die alten Saiten müssen runter. Sie glänzen nicht mehr, klingen wie nasser Karton und kleben fast an den Fingern. Trotzdem halte ich beim bloßen Anfassen des Wirbels die Luft an, weil ich in Gedanken schon eine reißende Stahlsaite im Gesicht spüre. Genau diese Angst ist der Grund, warum ich in meinem kleinen Gitarre-lernen-Selbstversuch länger um das Thema Saiten wechseln herumgeschlichen bin als um jedes andere Anfänger-Thema.

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Der Mythos vom reißenden Draht

Der Mythos ist eigentlich ganz einfach: Wer eine Saite gegen eine neue tauscht, riskiert angeblich einen Peitschenschlag mitten ins Gesicht, weil die Spannung ja irgendwo hin muss, sobald der Draht reißt. Genau das hat mir die Fantasie ausgemalt, jedes Mal, wenn der Wirbel nur ein kleines Knarzen von sich gegeben hat, als könnte ich durch bloßes Anstarren verhindern, dass etwas reißt. Grafikerin halt, keine Statikerin.

Nur stimmt das so nicht, jedenfalls nicht bei einer Saite, die nicht komplett durchgerostet ist. Reine Spannung, selbst bei den erwähnten achtzig Kilo, bringt einen intakten Stahldraht nicht zum Reißen. Dafür braucht es fast immer einen zusätzlichen Fehler: eine scharfe Kerbe am Sattel, einen Draht, der schon Wochen vorher hätte runtergemusst, oder jemanden, der beim Stimmen über den Ton hinausdreht, aus lauter Nervosität, ob es schon fest genug sitzt.

Bevor ich mich das erste Mal überhaupt an die Mechanik getraut habe, hatte ich mir extra ein Abo bei einem Gitarren-Tutorial-Kanal auf YouTube geholt, um mir das Wechseln in Ruhe anzusehen. Nach vier Videos hab ich das Abo wieder gekündigt. Jeder Kanal predigte eine andere Reihenfolge, eine andere Zange, einen anderen Trick gegen die Angst, und am Ende war ich verwirrter als vorher, nicht sicherer. Sortiert hat sich das erst, seit ich stattdessen dem festen Ablauf im norberg Gitarrenkurs folge, statt mir alles einzeln zusammenzusuchen.

Nahaufnahme von Händen, die beim Gitarrensaiten wechseln eine neue Saite vorsichtig in die Mechanik einfädeln.

Im letzten Sommer hab ich's schon einmal versucht, auf einer Bank am Cospudener See in Markkleeberg, weil ich mir irgendwie einredete, frische Luft würde mich lockerer machen. Hat sie nicht. Die Finger waren schwitzig, die Saite ist mir zweimal aus der Mechanik gerutscht, und ich habe entnervt alles wieder eingepackt, bevor überhaupt eine neue Saite drauf war.

Was beim Gitarre lernen wirklich reißen kann

Wenn überhaupt etwas reißt, dann meistens die Saiten, die schon lange stumpf und gräulich sind, genau wie meine gerade jetzt, nicht die frischen, glänzenden, die man neu aufzieht. Alte Saiten korrodieren von innen, werden spröde wie ein Gummiband, das zu lange in der Sonne lag, und genau die brechen dann irgendwann beim Stimmen, nicht weil die Spannung zu hoch wäre, sondern weil das Material selbst müde ist.

Bei mir hat sich die A-Saite trotzdem einmal falsch um den Wirbel gewickelt, ein kleines Drahtknäuel, das ich mit zittrigen Fingern wieder aufdröseln musste. Passiert. Nichts ist gerissen, NICHTS ist explodiert, nur meine Geduld war für einen Moment auf null.

Dass sich die Fingerkuppen irgendwann an den frischen, strafferen Stahl gewöhnen, ist noch mal ein eigenes Thema, das ich woanders ausführlicher aufgeschrieben habe. Genauso die Frage, wie man überhaupt dranbleibt, wenn gerade gar nichts leicht klingt. Auch das ist an dieser Stelle nur ein Nebengedanke, kein Vorsatz für heute.

Detailansicht des Stegs einer Akustikgitarre mit frisch aufgezogenen Saiten nach dem Saiten wechseln als Anfänger.

Saiten wechseln: eine nach der anderen, nie alle auf einmal

Die Regel, die mir inzwischen am meisten hilft, ist simpel: immer nur eine Saite zur Zeit abnehmen, nie alle sechs gleichzeitig lösen. Der Steg bleibt dann unter Spannung, der Hals verändert sich nicht plötzlich, und ich habe nicht sechs losen Drähte gleichzeitig in der Hand, die sich ineinander verhaken.

Genauso wichtig: Beim Hochdrehen einer neuen Saite höre ich auf, sobald der Ton stimmt, keine Vierteldrehung später aus lauter "sicher ist sicher". Genau in diesem zusätzlichen Dreh liegt der Moment, in dem wirklich mal etwas reißt, nicht bei der normalen Spannung, die die Gitarre sowieso die ganze Zeit über aushält. Wie man danach überhaupt sauber in die Stimmung zurückfindet, hab ich in einem eigenen Text zum Gitarre richtig stimmen aufgeschrieben.

Irgendwann klopft es. Armin, mein Nachbar von nebenan, steht vor der Tür, weil die schiefen Übe-Töne offenbar bis zu ihm durchdringen. Er taucht öfter unangemeldet auf, wenn er hört, dass ich gerade dran bin. Ich lege die Gitarre kurz auf den Oberschenkel, und dieses kühle, harte Holz am Bein beruhigt mich echt für eine Sekunde mehr, als jedes Wort es könnte, als würde das Material selbst sagen, dass es robuster ist, als ich immer denke.

Die Angst blieb, obwohl nichts passiert

Mein Vier-Wochen-Plan, mit dem ich mir gerade generell das Gitarrespielen selbst beibringe, hat Saiten wechseln nirgends vorgesehen. Das kam einfach dazwischen, weil es musste.

Und als ich danach eine Runde spiele, ist es ausgerechnet der Wechsel von G nach D, bei dem ich zum ersten Mal nicht ins Stocken komme. Der Takt bleibt, der Song läuft einfach weiter, so als hätten die neuen Saiten die ganze Zeit schon draufgehangen. Wie man solche Akkordwechsel überhaupt übt und warum das Taktgefühl dabei die halbe Miete ist, sind für sich beide eigene Geschichten.

Ein Notizbuch mit Skizzen zum Saiten wechseln und ein Plektrum auf dem Tisch, Selbstversuch beim Gitarre lernen.

Die Angst war am Ende größer als jedes echte Risiko, aber das macht sie nicht falsch, sie zeigt nur, worauf es wirklich ankommt: Sind die alten Saiten sichtbar grau, rau oder rostig? Bleibt eine neue Saite nach dem Dehnen stimmstabil? Wenn beides stimmt, ist an der Gitarre gerade nichts gefährlich, nur unbequem. Wer sich dabei genauso viel Respekt vor dem Wirbel wünscht wie ich am Anfang, findet im norberg Kurs wenigstens eine feste Reihenfolge, an die man sich halten kann, statt sich wie ich durch wechselnde YouTube-Meinungen zu wühlen.

Meine Lagerfeuer-Akkorde jedenfalls klingen seitdem heller, klarer, fast schon ein bisschen fremd nach den stumpfen Drähten von vorher, und die Angst vor dem nächsten Wechsel ist zwar nicht komplett weg, aber sie sitzt jetzt woanders, kleiner, im Hinterkopf, nicht mehr mitten im Weg. Mehr zu den Griffen selbst steht in der Lagerfeuer-Akkorde-Übersicht, falls jemand nach dem Wechsel gleich weiterspielen will.

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